Die redaktionelle Realität – Der blinde Fleck der Altersdiversität (Diversität 2/3)
Wenn wir über Vielfalt sprechen, blicken wir oft auf sichtbare Merkmale. Doch eine der nicht so sichtbaren Barrieren für eine resiliente Meinungsfreiheit ist die mangelnde Altersdiversität in deutschen Redaktionen.
Die aktuelle Studie „Journalismus in Deutschland“ (Worlds of Journalism 2024/25, S. 157 https://www.worldsofjournalism.org/wp-content/uploads/WJS3-Report-final2_191125.pdf ) zeichnet ein deutliches Bild unserer Newsrooms der letzten beiden Jahre: Der typische Journalist ist männlich, verfügt über rund 20 Jahre Berufserfahrung und ist im Schnitt 45,3 Jahre alt.
Über ein Drittel (36,5 %) arbeitet dabei immer noch in Häusern mit klassischer Zeitungs-DNA. Diese Stabilität könnte einerseits ein Garant für handwerkliche Qualität sein, birgt aber auch Risiken. Häuser mit Zeitungs-DNA haben über Jahrzehnte Prozesse perfektioniert, die auf den gedruckten Rhythmus und lineare Hierarchien ausgelegt sind. Wenn nun neue, digitale Diskursformen (wie sie in Teil 3 von Steve Heng beschrieben werden) aufkommen, versuchen diese Häuser oft, das „Neue“ in die „alten“ Formen zu pressen. Man nennt das auch das Innovator’s Dilemma: Man ist so gut in dem, was man tut, dass man den Moment verpasst, etwas völlig anderes zu wagen. Oft arbeiten deswegen auch in traditionelle Verlagshäusern die Digitalredaktionen getrennt von den Printjournalist:innen und machen einen wesentlich kleineren Anteil an Beschäftigten aus (laut der WJS Studie arbeiten in rein digitalen Newsroomformaten 3,1% der Journalist:innen). Und hier versammelt sich dann meistens auch die jüngeren Berufsgruppe.
Die Journalistin Petra Schwegler vom MedienNetzwerk Bayern, die davor viele Jahre beim Fachblatt W&V für Nachrichten in Print und Online verantwortlich war, kennt die Herausforderungen dieser Transformationsprozesse und hat sich Gedanken zu Lösungen gemacht:
“Wenn es heute in Medienhäusern darum gehen muss, dass der hochwertige Inhalt zählt und der Kanal passend dazu ausgewählt wird, dann sollte wirklich jetzt schnellstmöglich die Redaktionsarbeit anders organisiert werden. Strukturen, in denen noch der Kanal über den Inhalt bestimmt, können über kurz oder lang nicht mithalten in einem Informationszeitalter, das von digitalen Plattformen und Künstlicher Intelligenz geprägt ist. Dass Redaktionen Print wie Online wie Audio wie Video wie Social Media bestücken, ist zunächst einmal eine Frage der Führungskultur. Es braucht agile Redaktionsleiter, die das Zusammenspiel vorleben und aktiv befeuern. In 25 Jahren Redaktionsarbeit habe ich selbst ein Hin und Zurück erlebt, getrieben von verunsicherten Vorgesetzten: vom Start weg Print und Online aus einer Hand, dann irgendwann rein Online und getrennt vom Magazinteam, zuletzt „ganz fortschrittlich“ wieder vereint, inklusive Social Media ,Video und Audio. Aus dieser Erfahrung kann ich sagen: Es gilt, Teams zu ermutigen, zu schulen und Verständnis dafür zu schaffen, warum es für jedes einzelne Redaktionsmitglied wichtig ist, möglichst viele Kanäle bespielen zu können. Gerade in der KI-Ära. Gerade KI hilft dabei, die besten Inhalte als „Liquid Content“ an möglichst viele Zielgruppen zu verteilen.“
Der neue Deepdive vom MedienNetzwerk Thinktank: Liquid Content in der Medienbranche
Dieser Deepdive befasst sich mit dem Konzept des „Liquid Content“ – also mit der Frage, wie Medienhäuser ihre Inhalte so aufbereiten können, dass sie maschinenlesbar, modular und über verschiedene Kanäle, Formate und Interfaces hinweg neu zusammengesetzt werden können.
In einer Branche, in der sich fast 50 % der Befragten oft gestresst fühlen (Worlds of Journalism 2024/25, S. 157) , bleibt der intergenerative Austausch oft auf der Strecke. Doch genau hier liegt der Schlüssel: In Zeiten der Medienkrise ist Altersdiversität mehr denn je wichtig, um relevante Inhalte für eine breite Bevölkerungsschicht anzubieten.
Frischer Wind weht durch Erfahrung
In manchen Häusern herrscht noch immer ein Silo-Denken: Hier die erfahrenen Senior-Redakteur:innen mit dem dicken Adressbuch, dort die jungen „Digital Natives“ für die Social-Media-Kanäle oder die Digitalredaktion. Echte Vielfalt im Sinne eines gesellschaftlichen Sprachrohrs kann auch durch einen geförderten intergenerativen Austausch erfolgen.
Eine Newsredaktion, die die Lebensrealität einer 20-jährigen Studentin ebenso wenig versteht wie die eines 80-jährigen Rentners, kann ihren Auftrag als vierte Gewalt nur lückenhaft erfüllen. Altersdiversität ist somit kein „Social-Programm“ der HR-Abteilung, sondern eine Voraussetzung für Publikationen mit der Relevanz am Markt.

»Auf der einen Seite gesammeltes Wissen, viel Handwerk und ein souveräner Umgang mit Sprache, auf der anderen Seite Neugier, viel Wissen über den Umgang mit digitalen Medien und der Ehrgeiz junger Menschen: Daraus wird ein Match!«
Petra Schwegler zeigt auf, warum diverse Altersstrukturen die journalistische Qualität in ihrem digitalen Transformationsprozess steigern können:
„In diversen Teams (dazu zählt unter anderem eine gute Mischung aus Jung und Alt) laufen allein schon die Redaktionskonferenzen ganz anders ab. Wenn es das Führungsteam zulässt, werden dort bereits Themen mit mehr Facetten geplant. Es wird mitgedacht, wo welches Thema gespielt wird. Nehmen wir als Beispiel die SZ: René Hofmann leitet dort das Ressort München, Region und Bayern. Zum einen weiß er, was ins Blatt muss. Zum anderen hat er junge Teams für lokale Podcasts und für Social Media zur Seite, um dem Informationsauftrag auf breiter Basis gerecht zu werden. Dort werden in Anlehnung an die Themenagenda aus dem Blatt die Aufreger der Stadt hörbar oder via Instagram separat aufgegriffen, ganz anders erzählt und relevante Informationen passgenau an die Menschen gebracht. Mit dem “Nebeneffekt”: SZ-Fan kann man heute sein, auch wenn man nicht täglich die Zeitung liest. Aber manch eine:r, der vorher keine SZ gelesen hat, wird so umfassend informiert, eventuell von der Marke via Podcast oder Social Media überzeugt – und wird im besten Fall Abonnent:in eines SZ-Produkts. Allein schon aus wirtschaftlichen Gründen sind diverse Teams die besseren Teams!“
Resilienz in der Krise – Erfahrung bleibt in der KI-Ära eine wichtige Kernkompetenz
In Zeiten von sinkenden Budgets und dem rasanten Aufstieg generativer KI herrscht in vielen Medienhäusern eine spürbare Verunsicherung. Oft wird „Digitalisierung“ fälschlicherweise mit „Verjüngung“ gleichgesetzt, was bei erfahrenen Kräften zu Existenzängsten führt. Doch die Realität dieser Transformation zeigt: Reine Schnelligkeit und technisches Know-how reichen nicht aus, um das Vertrauen des Publikums zu halten. In einer Welt voller KI-generierter Inhalte wird die menschliche Einordnung, das ethische Urteilsvermögen und die kuratierende Erfahrung zur wichtigsten Brandmauer gegen die Belanglosigkeit:
”Natürlich sind Ältere mit ihrer Erfahrung hier mehr gefragt. Es lohnt: Offenheit gegenüber dem Nachwuchs wird mit neuen Eindrücken belohnt. Im Journalismus sollten Neugier, Kritikfähigkeit und Mut zur Veränderung eigentlich selbstverständlich sein; gerade im Alter, um auch nach vielen Jahren Redaktionsarbeit möglichst breit berichten zu können. Das ist das, was jede:r Einzelne im Redaktionsgefüge zu tun vermag. Unerlässlich ist aber eine kluge Führungskultur, die das Zusammenwachsen von Redaktionen fördert. Es hilft wenig, wenn Alt über Jung schimpft oder Jung über Alt. Tipp: Unternehmt etwas zusammen! Beim Bowlen oder Wandern lernt man viel über Kolleg:innen. Das schafft Verständnis und schweißt Teams zusammen.”
So gelingt die Alters-Transformation
- Wirtschaftliche Notwendigkeit
- Altersgemischte Teams fördern die Marktrelevanz; nur wer die Lebensrealitäten von 20- bis 80-Jährigen gleichermaßen versteht, kann neue Zielgruppen (z. B. via Social Media oder Podcast) erschließen und so die wirtschaftliche Basis klassischer Medienhäuser sichern.
- Aufbruch der Kanal-Silos
- Um das „Innovator’s Dilemma“ der Zeitungs-DNA zu überwinden, sollte die Führungskultur den Fokus vom Ausspielweg (Print vs. Online) hin zum „Liquid Content“ verschieben; das Match aus handwerklicher Souveränität der Erfahrenen und digitalem Drive der Jüngeren kann die journalistische Qualität in der Transformation steigern.
- Schulterschluss in der KI-Ära
- In einer Welt voller KI-generierter Inhalte bleibt die kuratierende Erfahrung, das ethische Urteilsvermögen und die menschliche Einordnung erfahrener Journalist:innen wertvolle Kernkompetenz; die „generationsübergreifende Allianz“ ist dabei die beste Versicherung gegen Belanglosigkeit und den Relevanzverlust im digitalen Informationszeitalter.
Dass dieser kollegiale Zusammenhalt auch den Rücken stärkt, um gesellschaftliche Diskurse aktiv mitzugestalten, zeigt Teil 3 im Gespräch mit Media Idol Stage Kurator Steve Heng.
Lies in Teil 3, wie Kommunikationsmanager Steve Hang für starke Meinungen eine Bühne bietet
Lies in Teil 1, wie Community & Programm Managerin Alicia Fricke den Weg für mehr Diversität in Medienhäusern ebnet
Vertiefung des Themas „Altersdiversität“ im MTM Blog:
