Die digitale “Brandung” – Authentizität und Diskurskultur der „Next Gen“ (Diversität 3/3)

Medien.BayernDie digitale “Brandung” – Authentizität und Diskurskultur der „Next Gen“ (Diversität 3/3)

Die digitale “Brandung” – Authentizität und Diskurskultur der „Next Gen“ (Diversität 3/3)

Die jungen Creators und der Mediennachwuchs, die sich für Diversität stark machen, navigieren oft nicht in ruhigen Gewässern. Sie stehen dort, wo es laut und manchmal ungemütlich ist, wo sich die öffentliche Meinung heute massiv formt und bricht. Während etablierte Medienstrukturen noch über Quoten diskutieren, ist die Realität auf den Bildschirmen der jungen Generation längst eine andere. Doch wie stabil ist dieses „vielfältige Sprachrohr“ im Netz wirklich? Um das zu verstehen, sprechen wir mit Steve Heng. Der Kommunikationsmanager von Start Into Media und Content Creator kuratiert die Media Idol Stage bei der Media For You am 21. Mai in Nürnberg. Hier trifft die Theorie der Meinungsfreiheit auf die harte Praxis der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie.

Authentizität statt Alibi

Für Steve Heng ist Diversität die Basis für Glaubwürdigkeit. Auf seiner Bühne stehen Menschen wie die Influencerin und Autorin Matilda Jelitto, die aufzeigt, wie das Leben z.B. mit Behinderung fernab von Mitleidskitsch auch stattfinden kann, oder Model und Schauspielerin Lucy Hellenbrecht, die sich für Transidentität jenseits von Talkshow-Stereotypen einsetzt.

Im Austausch mit Steve wird deutlich: Die junge Zielgruppe hat ein feines Gespür für „Tokenism“ (Anmerk. d. Redaktion: den Anschein von Vielfalt und Inklusion erwecken): es reicht nicht mehr, jemanden einzuladen, weil er ein Häkchen in der Diversitäts-Checkliste setzt, so der Tenor der Media Idol Stage. Was dieses Format auf der Carreer-Erlebnismesse so erfolgreich macht, ist die Authentizität im geschützten Raum.

“Wichtig wäre es, dass man sich mit dem Thema Diversität mehr beschäftigt, statt es nur oberflächlich zu behandeln. Es ist auch hilfreich, Menschen, die diesbezüglich Expertise haben, dazu zu holen und Raum zu schaffen, um zu verstehen, was Diversität eigentlich ist und wie wichtig sie für die Zielgruppe ist.“

Steve Heng, Kommunikations- und Marketing Manager | Start Into Media

»Ich als asiatisch gelesener Mensch verstehe, wie es ist, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, in der man kaum Repräsentation sieht. Darum kann ich mich gut hineinversetzen, was für unsere Zielgruppe wichtig erscheint und wie deren Lebensrealität ungefähr widergespiegelt werden kann.«

Steve Heng

Kommunikations- und Marketing Manager, Start Into Media

Zwischen „Free Speech“ und digitalem Fegefeuer

Ein zentraler Punkt in den Sessions bei der Media For You ist auch wiederkehrend das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verletzlichkeit. Wenn jeder ungefiltert seine Meinung sagen kann, entstehen Räume für alle Stimmen – aber auch für Hate Speech und Fake News. Da ist es besonders wichtig, dass das Medienunternehmen auch faktisch hinter den sendungsbewussteren Mitarbeitenden steht:

“Je vielfältiger die Medienhäuser besetzt sind, desto glaubwürdiger wird es, weil man dann nicht das Gefühl bekommt, dass über diese Menschen gesprochen wird, sondern mit ihnen über sie. Und da ist es auch wichtig zu verstehen, dass es langfristig gedacht werden muss. Es reicht nicht, auf einmal mehrere Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen, nur um zu zeigen, dass die Firma Vielfalt zeigt, sondern dass wirklich eine Überzeugung dahintersteht und dass Firmen offen sind und das auch langfristig so leben. Wenn das so vorangeht, wirkt es nicht so, als würde man nur auf einen Trend aufspringen, sondern als würde man auf Dauer eine klare Haltung zeigen.

Die Panels auf der Media Idol Stage machen deutlich: wer Diversität im Netz lebt, braucht ein dickes Fell. Die Diskussionskultur ist emotionaler, direkter und oft toxischer geworden. Klassische Medienhäuser, so Steve, können von Influencern lernen, wie man Diversität organisch und authentisch darstellt, ohne in Klischees zu verfallen:

„Es ist schwer, sich die gleiche Haltung wie bestimmte Influencer anzueignen, aber man kann von solchen Menschen lernen und mit ihnen zusammenarbeiten, egal ob über Kooperationen oder sogar eine Anstellung. Dabei sollte man auch darauf achten, nicht nur anhand solcher Merkmale zu entscheiden, sondern wirklich zu schauen, dass es für beide Seiten einen Mehrwert hat.”

Für moderne Medienhäuser ist die Lernkurve hier steil, aber Überlebens wichtig. Meinungsfreiheit zu schützen heißt auch, die Hoheit über den Diskursraum zu behalten. Nur wenn Medienhäuser Sicherheit als Infrastruktur begreifen – von der Moderation in Communitys bis zum rechtlichen Beistand –, ermöglichen sie es ihren Talenten, die Vielfalt der Gesellschaft mit gutem Gefühl und authentisch abzubilden. Wer diesen Raum aktiv managt, überlässt das ‚Sprachrohr‘ auch  diverseren Stimmen.

So schützen Medienunternehmen das Sprachrohr der Vielfalt

Narrative Begleitung
Man darf diverse Protagonisten nicht mit ihrem Thema „alleine lassen“. Ein Beitrag über ein kontroverses Thema (z.B. Migration oder LGBTQ+) braucht eine redaktionelle Flankierung, die Fakten vorab checkt und Angriffsflächen für Fake News proaktiv schließt.
Moderations-Garantie
Wer Vielfalt publiziert, muss das Budget für die Moderation (menschlich + ggf. KI-gestützt) im Vorfeld fest einplanen. Ein moderierter Kommentarbereich unter einem diversen Beitrag zeigt: meine Firma steht hinter mir!
Rechtssicherheit
Medienhäuser dürfen auch als „Bodyguard“ fungieren – durch Rechtsschutz gegen digitale Gewalt und psychologische Unterstützung für die Akteure. Erst wenn Sicherheit Teil der Firmen-Infrastruktur ist, trauen sich Talente, wirklich frei zu sprechen.

Unterstützung finden Medienunternehmen u.a. durch die von MediaLab Bayern geförderten Startups:

  1. Moderatives Backup: Einsatz von Tools (wie z.B. Atmosvere (ehemals Trusted Accounts) –oder professionellen Agenturen, um Diskussionen unter Beiträgen nicht „laufen zu lassen“, sondern aktiv zu führen.
  2. Rechtliches Backup: Klare Prozesse, wie Hate Speech und Drohungen konsequent zur Anzeige gebracht werden z.B. SO DONE, PENEMUE.
  3. Psychologisches Backup: Interne Guidelines für Redaktionen, wie mit „Shitstorms“ umgegangen wird, damit einzelne Journalist:innen oder Creator nicht als Einzelkämpfer im digitalen Feuer stehen.

Lies in Teil 2, warum für Journalistin Petra Schwegler Altersdiversität in Redaktionen eine Führungsaufgabe ist.

Lies in Teil 1, wie Community & Programm Managerin Alicia Fricke den Weg für mehr Diversität in Medienhäusern ebnet

Podcast – Tipp:

Jan Josef Liefers spricht bei „Hotel Matze“ über seine DDR-Erfahrungen und Erkenntnisse daraus im Umgang mit Diversität und Meinungsfreiheit!

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Autorin: Madeleine Gewargis

Fotos: Cindy Ngo, Johannes Kiefer

Wir freuen uns, euch vom 22. – 24. Oktober 2025 auf den #MTM25 begrüßen zu dürfen. Mit der „Media For You“ gibt es auch wieder die beliebte Career-Erlebnismesse zum Thema Jobs & Ausbildung.