Future Readiness: Welche Skills braucht die Bewegtbildbranche
Auftakt der neuen Reihe von Start Into Media – Teil 1: Bewegtbildbranche
Neugier, Aneignungskompetenz, KI-Skills und solides Handwerk – dieses Skillset klopft aktuell bei vielen Medienschaffenden täglich an die Tür. Gleichzeitig stehen Unternehmen vor einer grundsätzlichen Frage:
Wie gelingt lebenslanges Lernen in einer Branche, in der Filmjobs zeitintensiv sind, Familienzeit knapp ist und Weiterbildungsangebote oft weder zu komplexen noch zu stark ausdifferenzierten Jobprofilen passen?
Genau diese Fragen greift unsere Initiative Start Into Media auf – mit dem Auftakt einer Reihe rund um „Future Readiness“ in der Bewegtbildbranche.
Hochkarätige Runde – Praxis trifft Weiterbildung
Für den Auftakt haben wir Expert:innen eingeladen, die die Transformation ihres Filmhandwerks in die Welt neuer Technologien bereits aktiv gestalten:
Elfi Kerscher (Virtual-Production-Company Hyperbowl), Oliver Czeslik (mYndstorm productions) und Martin Haerlin (AI-Artist & Director).
Auf der anderen Seite die „Brückenbauer:innen“ zwischen Praxis, Weiterbildung und Strukturen:
Stefanie Bieker (Verband der Berufsgruppen Szenenbild und Kostümbild e.V.), Annabell Simon (Crew United) und Dr. Denise Grduszak (Erich Pommer Institut), die u. a. mit einer staatlich geförderten Weiterbildungsinitiative nachhaltige Qualifizierungsmöglichkeiten für die Bewegtbildbranche etablieren möchte.
Für Geschäftsführungen und Führungskräfte ist die Kernbotschaft:
Future Readiness darf keine Vision mehr sein- sie beginnt bei konkreten Zeitfenstern, Strukturen und Formaten für Lernen.

Arbeitszeit für Weiterbildung und Austausch ermöglichen
Das virtuelle Get-together, gehostet von Start-Into-Media-Partner- und Projektmanagerin Insa Wiese, war stark besucht. Mitarbeitende aus Film- und Fernsehunternehmen, Verbänden sowie Aus- und Weiterbildungsinstitutionen haben sich vernetzt und ausgetauscht – ein wichtiger erster Schritt.
Ein zentrales Signal an Führungskräfte:
Weiterbildung und Wissenstransfer müssen als Arbeitszeit anerkannt werden – auch bei Netzwerk-Events. Und bei Selbstständigen sollte sichtbar honoriert werden, dass sie „am Puls der Zeit“ bleiben.
Laut Dr. Denise Grduszak haben 71 % der Beschäftigten in der Bewegtbildbranche in den letzten 12 Monaten keine Weiterbildung besucht. Gründe: Es fehlt nicht nur an passenden Angeboten, sondern oft auch an Klarheit über Kompetenzdefizite und sinnvolle Entwicklungsziele.
Initiativen wie „WIBewegt“ bieten erste Orientierung.
Von der Spezialisierung zur interdisziplinären Kompetenz
Die Transformation durch Virtual Production stellt gewohnte Arbeitsweisen grundlegend infrage.
Elfi Kerscher (Hyperbowl) beschreibt es so: Die Grenzen zwischen den Gewerken verschwimmen. Was früher klar getrennt war – Set Design, Kamera, Postproduktion – wächst in der virtuellen Welt zu einem integrierten Workflow zusammen.
Virtual Production verändert den Produktionsprozess
Durch Virtual Production entsteht bereits in der Kamera das nahezu „fertige“ Bild. Kamera, Regie und Art Department sehen in Echtzeit, wie das Ergebnis aussieht, und können unmittelbar zusammen Entscheidungen treffen.
Set Design, Construction und Szenenbild arbeiten eng mit Unreal-Designer:innen zusammen – deutlich enger als in klassischen Produktionen.
Die LED-Bühne ermöglicht mit der Unreal Engine aufwendige Drehs in virtuellen Welten. Städte oder ganze Schauplätze können digital nachgebaut werden, internationale Drehorte werden teilweise überflüssig. Das ist wirtschaftlich interessant, funktioniert aber nur mit:
- dem passenden technischen Setup
- gewerkeübergreifendem Verständnis
- und klar definierten Schnittstellen in der Produktion
Für Führungskräfte heißt das:
Interdisziplinäre Teams und technisches Grundverständnis werden zur strategischen Voraussetzung.

Die neue Rolle der Unreal Engine – und der Menschen dahinter
Die Unreal Engine wird zum zentralen Werkzeug – nicht nur für Medieninformatiker:innen, sondern auch für Quereinsteiger:innen, die Lust auf visuelles Storytelling und Technologie haben. Sie wird zunehmend als Storytelling-Tool genutzt, um Konzepte und Räume sichtbar zu machen, bevor die eigentliche Produktion beginnt.
Dafür braucht es:
- Producer, die als Schnittstelle zwischen Gewerken und Kund:innen agieren
- Menschen, die technische Tools verstehen und kreativ denken
- Führungskräfte, die solche Profile aktiv fördern – oder überhaupt erst ermöglichen
Kostümdesign zwischen Tradition und Digitalisierung
Wie sich Anforderungen in Know-how und Mindset verändern, zeigt Stefanie Bieker (Verband der Berufsgruppen Szenenbild und Kostümbild e.V.) am Beispiel Kostümbild:
- Vieles aus der Postproduktion wandert in die Preproduktion – die strategische Planung verschiebt sich.
- Ganze Sets werden gemeinsam mit allen Gewerken früh visualisiert.
- Das Berufsbild von Kostümbildner:innen erweitert sich um Skills wie KI und Virtual Production.
Genreübergreifendes Arbeiten wird zur Schlüsselkompetenz. Traditionelles Handwerk bleibt unverzichtbar, wird aber stärker mit digitalen Tools kombiniert.
Um das große Gap in der Weiterbildung zu schließen, verweist Stefanie Bieker auf internationale Vorbilder – etwa das Weiterbildungsangebot des British Film Institute. Hier kann die deutsche Branche noch aufholen.
Was die Branche jetzt braucht
Stefanie Bieker bringt es auf den Punkt:
Wissenstransfer muss kostengünstig, effektiv und vernetzt organisiert werden.
Das bedeutet konkret:
- Hochschulen sollten nicht nur Nachwuchs, sondern auch Berufserfahrene in Umbruchsituationen adressieren.
- Weiterbildungsseminare und Workshops an etablierten Ausbildungsstätten sollten explizit für ältere Mitarbeitende geöffnet werden.
- Unternehmen sollten Mitarbeitenden ermöglichen, interdisziplinär zu denken – und ihnen dafür Zeit und Raum geben.
Elfi Kerscher ergänzt:
Am Puls der Zeit zu bleiben heißt heute, regelmäßig neue Entwicklungen zu verfolgen und zu verstehen. Die klassischen Gewerke-Silos haben ausgedient – Zukunft hat, wer technisches Know-how mit kreativer Vision verbinden kann.
Etwas, das Oliver Czeslik mit mYndstorm productions schon lange lebt: aus der Theater- und Filmwelt stammend, hat er sich sehr früh mit 3D-Prktiken beschäftigt und erkannt, dass in diesen Technologien das zeitbasierte Erzählen des Films in ein räumliches Storytelling transferiert werden muss, um damit neue, spannende Entertainmentwelten zu schaffen.
Für C-Level bedeutet das:
Future Readiness ist kein „Nice-to-have“, sondern eine Führungsaufgabe, die in Budgets, Strukturen und Unternehmenskultur geplant werden müsste.

KI-Kompetenz stärken – auch für Selbstständige
Die Live-Umfrage unter den Teilnehmenden zeigt klar:
Aneignungs- und KI-Kompetenz werden neben Flexibilität und Handwerk als zentrale Handlungsfelder gesehen.

Doch wo anfangen – und wie alle mitnehmen? Besonders Selbstständige werden bisher oft alleingelassen. Sie profitieren nicht automatisch von internen KI-Schulungen, wie Angestellte in größeren Unternehmen.
Mit der AI-Literacy, die der EU AI Act fordert, wächst die Verantwortung der Unternehmen:
Mitarbeitende, die mit KI arbeiten, müssen ausreichend qualifiziert sein – das ist künftig auch eine Frage der Compliance.
Eine logische Frage:
Warum nicht branchenspezifische KI-Skills, die ohnehin entwickelt werden, auch für Selbstständige öffnen?
Am Set ziehen alle an einem Strang – dieses Mindset kann auch im Bereich Weiterbildung und Wissensaustausch gelten.
Die Medien.Bayern-Initiativen bieten bereits regelmäßig kostenlose Formate, um den Einstieg in KI-Anwendungen in der Medienbranche zu erleichtern.
Aber auch die:
- Media Leadership Masterclass – Bewerbungsstart ab 7. Januar 2026
- MTM SPECIAL AI & MEDIA – 21. – 22. April 2026
KI als Assistent:in – nicht als Ersatz
Bei all den Ängsten und Ressentiments gegenüber neuen Technologien ist die Rückmeldung aus unseren Veranstaltungen – u. a. den MEDIENTAGEN MÜNCHEN – eindeutig:
KI braucht die Fachkompetenz, das Handwerk und das Know-how des Menschen.
Richtig eingesetzt kann KI als Assistent:in oder „Praktikant:in“ unterstützen, Arbeitsabläufe vereinfachen und mehr Zeit für kreative Prozesse schaffen. Entscheidend ist:
- Wie wird KI in den einzelnen Gewerken angeleitet?
- Wer übernimmt Verantwortung für Qualität, Ethik und Storytelling?
- Welche Weiterbildung bekommen die Teams dafür?
Hier sind Führungskräfte gefragt, klare Leitplanken und Lernangebote zu schaffen.
Resilienz und Durchhaltevermögen
Und bei allen Herausforderungen braucht es am Ende nicht nur Technologie, sondern vor allem: den Menschen und die Gemeinschaft.
Spontan aus dem Zug zugeschaltet war Heike Dzaack-Crostewitz, Expertin für psychische Gesundheit. Mit „DramaCare“ hat sie eine Beratungsstelle für Menschen aus der Welt der darstellenden Künste und Medienproduktionen aufgebaut. Sie weiß aus langjähriger Erfahrung, wie wichtig es ist, dass am Set und in Medienunternehmen Nerven und Teamgeist stabil bleiben.
Ihr Ansatz:
- Realitätscheck statt Gedankenkarussell: Wenn Angst vor neuen Technologien oder um den eigenen Job dominiert, lohnt der Blick in die Realität: Wie begründet sind diese Gedanken tatsächlich?
- Verbindung statt Vereinzelung: Rausgehen, mit Menschen sprechen, die neue Tools bereits nutzen und positive Erfahrungen gemacht haben.
- Spielerisch bleiben: Sich Zeit nehmen, ein Tool auszuprobieren – auch wenn man das Gefühl hat, es „noch nicht zu verstehen“.
- Neugier behalten – in jedem Alter: Neugier treibt uns voran und verhindert, dass wir stehen bleiben.

Zum Schluss: Was Future Readiness wirklich bedeutet
Ich schließe mit einer Folie von Annabell Simon (Crew United), die es treffend zusammenfasst:
- Technologie braucht stabile Teams
- Nachwuchs braucht Einstiegspunkte
- Erfahrene brauchen Planbarkeit
- Strukturen müssen Menschen halten
- Ohne Verlässlichkeit keine Future Readiness
Future Readiness in der Bewegtbildbranche heißt also nicht nur, neue Technologien einzukaufen –
sondern Menschen, Strukturen und Lernräume so zu gestalten, dass sie Wandel tragen können.





