KI vor Ort in Würzburg: Warum der Mensch noch mehr zählt, wenn KI regiert

Künstliche Intelligenz hat in deutschen Medienhäusern die Phase des reinen Experiments verlassen. Und dieses Experiment hat ein vielleicht erstaunliches, aber banales Ergebnis: Wenn synthetische Inhalte per Knopfdruck hergestellt werden können, zählt vor allem der Mensch – denn Menschen brauchen Menschen, um Orientierung zu finden. Bei KI vor Ort in Würzburg haben das KI-Kompetenzzentrum Medien (KI.M) und der MedienNetzwerk Bayern Thinktank deshalb Strategien präsentiert, wie Redaktionen konstruktiv mit der KI-Transformation umgehen können.
KI ist der Megatrend 2026
Zwar werden KI-Systeme immer besser, durch ausgefeilte Architekturen Halluzinationen zu vermeiden. Dennoch sind 46 Prozent der Antworten von KI-Chatbots bis heute fehlerhaft – sei es durch eine lückenhafte Quellenarbeit oder die Tendenz der Systeme zu Halluzinationen. Gerade deshalb sieht Magnus Gebauer, Trendexperte vom MedienNetzwerk Bayern, hier eine Chance für Qualitätsmedien: Weil generative Technologien fehleranfällig bleiben, können sich klassische Medien als Vertrauensanker positionieren. Investigative Formate bleiben deshalb wohl auch in Zukunft eine Domäne, bei der KI nur eine untergeordnete Rollen spielen wird.
Trotzdem betrachten Medienhäuser die Integration von GenAI als strategische Notwendigkeit. Das wirkt nur auf den ersten Blick kontraintuitiv. Denn Jacqueline Hoffmann, Gebauers Kollegin beim MedienNetzwerk Bayern, weiß: KI steht im Zentrum der entscheidenden Medientrends des Jahres. Eine Ausprägung ist ein fluides Medienerleben. KI ermöglicht hyperpersonalisierte Formate, in denen sich unterschiedlichste Perspektiven und Bedürfnisse manifestieren.
Was synthetische Beliebigkeit durch KI bedeutet
Böse Zungen würden sagen: KI fördert die synthetische Beliebigkeit. Damit ist gemeint, dass Content wertlos wird – oder so verwendet wird, dass die Grenzen zur juristischen Relevanz berührt werden. Aktuelle Skandale um sexualisierte Deepfakes verdeutlichen diese Problematik. IT-Fachanwalt Chan-jo Jun (JUN Legal) fordert daher striktere Restriktionen bei der Erstellung solcher Inhalte; die Gesellschaft benötige dringend einen wirksameren Opferschutz.
Auch jenseits ethischer Debatten wie dieser bleibt KI aus juristischer Sicht ein Minenfeld. Im Dialog mit Jim Sengl, Gesamtleitung von KI.M, beleuchtete Jun die Auswirkungen von KI-Agents wie OpenClaw auf die Medienbranche. Seine Warnung ist deutlich: Bloße Kopien bestehender Software-Lösungen bleiben Plagiate. Medienschaffende müssen hier akribisch arbeiten, um nicht in die Falle zu tappen. Hauseigene Software ist Geschäftsgeheimnis und sorgt für langfristige Nutzerbindung.
Die zentrale Zukunftsfrage ist damit indirekt ausbuchstabiert: Wie transformieren generative Technologien bestehende Geschäftsmodelle? Wenn die Content-Produktion vollständig automatisierbar wird und bisherige Alleinstellungsmerkmale (USPs) erodieren, droht ein fundamentaler Wandel. Sengl und Jun sind sich einig: Im Zeitalter der synthetischen Beliebigkeit gewinnt menschengemachter Content massiv an Bedeutung. Denn am Ende gilt: Menschen vertrauen Menschen, nicht Maschinen.
Wie das Zusammenspiel aus KI und Redaktionsalltag gelingen kann
Bei der Mediengruppe Main-Post verfolgen Jonas Keck und David Mödl aus diesem Grund eine dezidierte KI-Strategie: Ein KI-Tool darf niemals Selbstzweck sein, sondern muss passgenau auf die Bedürfnisse der Redaktion zugeschnitten werden. Entscheidend ist hierbei die Symbiose aus strategischer Planung und praktischem Know-how. „Wir haben eng mit Entwicklern und Redakteuren zusammengearbeitet, um technische Möglichkeiten mit dem tatsächlichen Bedarf in Einklang zu bringen,“ betont Keck. „Meine Doppelrolle als Reporter und KI-Sachverständiger war dabei enorm hilfreich.“ Nur durch diesen integrierten Ansatz lasse sich ein Tool-Wildwuchs verhindern, der letztlich mehr Reibungsverluste als Nutzen erzeugt.
Die Main-Post setzt daher konsequent auf die Qualifizierung der gesamten Belegschaft, statt die Verantwortung lediglich auf einzelne AI Officer auszulagern. Ein wesentlicher Teil der Strategie besteht darin, durch gezielte Automatisierungen im Hintergrund administrative Prozesse zu minimieren. Das Ziel ist klar definiert: Die Technik soll den Redaktionen den Rücken freihalten und wieder mehr Raum für das eigentliche Kerngeschäft, die journalistische Arbeit, zu schaffen.
Warum wir nicht alles automatisieren können – und sollten
KI ist in der Medienbranche längst keine Zukunftsmusik mehr, sondern gelebte Realität. Die Herausforderungen sind vielfältig: von rechtlichen Fragen über die Gefahr der Austauschbarkeit bis hin zu ethischen Überlegungen. Die Zukunft der Medien mit KI wird nicht von der Technologie allein bestimmt, sondern von den Menschen, die sie nutzen – ihrer Kreativität, ihrem Verantwortungsbewusstsein und ihrer Fähigkeit, die menschliche Note zu bewahren, die letztlich den Unterschied macht.
Ihre Stärke spielt die Technologie bei komplexen Meta-Fragen, aufwendigen Spezifizierungen und der Bewältigung zeitintensiver Tabellenabfragen aus. Dabei gilt oft das Pareto-Prinzip: Ein solides Ergebnis ist in vielen Fällen wertvoller als gar keines, selbst wenn nicht immer die 100-Prozent-Marke erreicht wird. Von der automatisierten Erstellung von Konferenzpapieren bis hin zur täuschend echten Simulation von User-Personas beim Ausfüllen von Formularen entstehen Anwendungen, die zuvor schlicht nicht lohnenswert oder möglich waren. Sobald ein Problem eine klare Struktur besitzt, wird eine KI-Lösung greifbar – insbesondere durch Agenten, die eigenständig auf Dateisysteme zugreifen, Rechnungen sortieren und Formate wandeln können.
Eine entscheidende Einschränkung bleibt: Im Zentrum stehen nach wie vor LLMs, die ihre eigenen Grenzen nicht kennen. Während die Tools um sie herum austauschbar sind, bleiben hochspezialisierte Infrastrukturen wie CMS-Systeme vorerst unersetzlich. Selbst die smartesten Modelle wie Sonnet 4.6 agieren nicht in allen Bereichen gleichermaßen brillant; sie bleiben manipulierbar und hängen in ihrer Wirksamkeit vom Menschen ab. Der Mensch ist der „Klebstoff“ zwischen den verschiedenen Modi und muss entscheiden, wann welcher Einsatz sinnvoll ist.
Foto (c) Medien.Bayern/Laura Schwarz
„KI vor Ort“ ist eine fortlaufende Veranstaltungsreihe des KI-Kompetenzzentrums Medien (KI.M) in Kooperation mit dem Thinktank des MedienNetzwerk Bayern, die im Wechsel in einem der sieben bayerischen Regierungsbezirke stattfindet. Die Event-Reihe vermittelt kompakt praxisnahes Wissen über die Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes generativer Künstlicher Intelligenz in den Medien. Termin und Ort der nächsten Ausgabe gibt das KI.M rechtzeitig bekannt.