Anker in der Transformation: Wie lokale Medien gesellschaftlichen Halt und digitale Innovation vereinen
Wenn Diebe 48 Kühe von der Weide stehlen, eine Lehrerin 16 Jahre lang Dienstunfähigkeit vortäuscht und sich eine ganze Gemeinde für den Erhalt der kleinen Ortskirche stark macht– dann sind wir da, wo die Geschichten direkt vor unserer Haustür beginnen. Wir sind im Lokaljournalismus. Seine Relevanz für die Gesellschaft ist ungebrochen stark: Laut der aktuellen BLM-Studie „Lokaljournalismus in Bayern“ (2026) nutzt fast die Hälfte der Befragten täglich mindestens ein lokales Angebot.
Wer dies tut, fühlt sich laut den Ergebnissen stärker mit seiner Heimat verbunden, ist vor Ort aktiver und empfindet eine höhere Demokratiezufriedenheit. Doch so wertvoll dieser Anker für unsere Gesellschaft ist, so sehr stehen regionale Medien teilweise ratlos vor wirtschaftliche Herausforderungen, dem rasanten Einzug der KI und zwischen gesellschaftlichen Polarisierungen.
Wie gelingt es dem Lokaljournalismus die Brücke zu schlagen, zwischen Print und Digital, Tradition und Algorithmus, Jung und Erfahren?

Unsere Task-Force Lokale Medien
Im Austausch mit Expert:innen der Initiativen von Medien.Bayern nähern wir uns dem Thema von mehreren Seiten:
- Lukas Schöne, Vollblut Journalist, ist neben seiner Tätigkeit als Senior Partner & Programm Manager bei der Initiative MedienNetzwerk Bayern, auch Host des Podcasts „This is Media NOW“. Als Verfechter des Lokaljournalismus hat er im Blick, wie wichtig dieser für eine stabile Demokratie ist und verfolgt die positiven Entwicklungen zu neuen Geschäftsmodellen und dem sinnhaften Einsatz von KI.
- Florentina Czerny ist Content Managerin bei XPLR: MEDIA in Bavaria. Die Initiative für das bayerische Standortmarketing auf nationalem und internationalem Parkett blickt auf die vielen lokalen (Einzel-)Unternehmen, die im Medienbereich etwas bewegen. In ihren Blogartikeln berichtet Florentina u.a. über die gelungene Geschäftsideen und was das Ausland besonders an Bayern schätzt.
- Beate Hones ist Senior Konferenzmanagerin bei den Lokalmedientagen in Nürnberg. Die Konferenz beschäftigt sich mit den Herausforderungen, Chancen und Transformationen der lokalen Medienbetriebe. Durch ihre Zeit als Redakteurin und Reporterin beim Lokalradio, weiß Beate, dass die besten Geschichten vor der Haustür zu finden sind, aber auch mit welchen Herausforderungen lokale Anbieter zu kämpfen haben.
Das demokratische Fundament – Relevanz und Resilienz
(Lokale Medien 1/3)
Lokaljournalismus ist weit mehr als das Protokoll der Gemeinderatssitzung. Er ist das soziale Bindemittel, das Fakten liefert, wo sonst Gerüchte über den Gartenzaun gerufen oder in WhatsApp-Gruppen ihren Lauf nehmen würden. Lukas Schöne sieht hier den direkten Zusammenhang zwischen verlässlicher Information vor Ort und der Stabilität unseres demokratischen Gefüges.
Lokale Identität und Demokratie
Demokratie entscheidet sich nicht nur auf Bundesebene, sondern jeden Tag in Gemeinden, Schulen, Vereinen und Stadträten. Lokaljournalismus macht Prozesse sichtbar, fordert Machtgefüge heraus und ermöglicht Beteiligung. Die aktuelle BLM-Studie zum Lokaljournalismus zeigt des Weiteren, dass die Demokratiezufriedenheit in bayerischen Gemeinden höher ist, als im Bundesdurchschnitt. Für Lukas kommen da mehrere Faktoren zusammen:
“Auf die Gefahr hin wie ein bayerischer Regierungsvertreter zu klingen: Bayern ist ein wirtschaftliches starkes Bundesland. Wenn Menschen zufrieden mit der eigenen ökonomischen Lage sind, vertrauen sie dem Staat mehr. Außerdem ist es hier sehr schön, das macht vielleicht auch zufriedener. Sofern ich das als vor elf Jahren zugewanderter „Saupreiß“ beurteilen kann, spielt die lokale Identität in Bayern eine große Rolle. Um die abzubilden und zu stärken braucht es den Lokaljournalismus in seiner ganzen Breite. Und den hat Bayern: die Radiolandschaft ist einzigartig, lokales TV liefert die Bilder aus der Heimat und die bayerischen Verlage sind in ihren Regionen tief verwurzelt.
Ein Bespiel: Der Verlag Attenkofer (u.a. Straubinger Tagblatt) hat im vergangenen Jahr in Straubing eine Akademie eröffnet, in der Lokaljournalismus zum Anfassen gemacht wird: mit Diskussionsrunden, Themenabenden und einer Ausstellung, die die Geschichte der Region und des Verlags zeitgemäß aufarbeitet. Dieses „Vor-Ort-Sein“ – ob on air, digital, gedruckt oder physisch – stärkt das Vertrauen in die Medien und hat einen großen Anteil an der Demokratiezufriedenheit.”

»Lokale Medien sollten eine Art „Wirt in der Dorfkneipe“ werden, wo Menschen zusammenkommen, Kontroversen verhandelt werden und jeder mitreden darf.«
KI im Lokaljournalismus: Zwischen Effizienz und Beziehungsarbeit
Eine stabilere Finanzsituation für den Lokaljournalismus lässt sich auch durch ein effizienteres Umdenken in den Arbeitsprozessen aufbauen. Im Umshiften der Arbeitslast zwischen den menschlichen und den künstlich-intelligenten Ressourcen. Hier kommt die Technologie ins Spiel, um den Redaktionen den nötigen Freiraum zu verschaffen.
Der Verlag Nürnberger Presse (u.a. “Nürnberger Nachrichten”) setzt nun bei der Erstellung lokaler Inhalte und der gedruckten Tageszeitung verstärkt auf Künstliche Intelligenz. Er hat den personellen Aufwand für die Zeitungsproduktion so drastisch gesenkt. Statt 43 braucht er nach eigenen Angaben fortan nur noch vier Blattmacher für seine pro Tag 100 bis 150 Lokal- und Mantelseiten.
Viele blicken skeptisch auf diese Entwicklungen, da durch sie Arbeitsplätze wegfallen. Doch dass diese an anderer Stelle wiederum vermehrt gebraucht werden, zeigt der Blick in die Innovationsräume und die Vertrauensarbeit von Medienhäusern. Lukas dazu:
“Vertrauen in Journalismus lässt sich nicht einfach herbei automatisieren. Dafür braucht es Menschen und echte Beziehungsarbeit. Die sollte man trotz (oft falscher) Effizienzversprechen gerade im Lokalen nicht allzu schnell durch KI ersetzen. Das heißt nicht, dass ihr Einsatz keinen Sinn ergibt. Man muss sich nur fragen: Welche Rolle spielt sie in der Strategie? KI kann an manchen Stellen helfen, Arbeitsprozesse zu beschleunigen. Dazu wurde schon viel geschrieben. Aber was macht man mit der frei gewordenen Zeit? Oft habe ich das Gefühl, sie wird dafür genutzt, noch mehr von dem zu machen, was man eh schon macht.
Aber wenn KI die Produktion von Inhalten übernimmt, heißt es für Journalist:innen:
Geht wieder mehr zu den Leuten, redet mit ihnen, geht auf Bühnen, hört genau hin. Schaut auf die Daten, die KI uns liefert. Wo sind die wirklich wichtigen Geschichten? Darüber hinaus sehe ich einen weiteren wichtigen Wert von KI im Lokaljournalismus: hyperlokale Formate. Die Passauer Neue Presse beispielsweise produziert mit KI das tägliche Newsupdate „Hey Niederbayern!“. Sofern der KI-Einsatz transparent gemacht wird, stecken in solchen Formaten viele Potentiale für Relevanz und Geschäftsmodelle. „Every village needs a journalist“, so hat es KI-Forscher Richard Socher bei den MEDIENTAGEN MÜNCHEN 2025 ausgedrückt. “
Lokaljournalismus ist systemrelevant. Ideen, dieses regionale Gut zu schützen und technologisch, wie finanziell auf neue Ebenen zu heben, könnten Vorzeigeprojekte auch für den nationalen und internationalen Markt sein. Dass Medienprojekte aus Bayern mit ihrem Know-How auch wirtschaftlich eine Strahlkraft besitzen, weiß Florentina Czerny von der Initiative XPLR: MEDIA in Bavaria. Sie blickt für uns auf die Marketing-Power des Standorts.


