Storytelling, Teil 2: Radikale Nähe: Das Phänomen „Vertical Drama“

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Storytelling, Teil 2: Radikale Nähe: Das Phänomen „Vertical Drama“

Marie-Charlotte Praetorius, Teamlead beim Blauer Panther TV & Streaming Award beschreibt einen klaren Lernprozess in der Bewegtbildbranche:

„Filmemacher:innen übernehmen von Social-Media-Creator:innen die sogenannte Hook-Logik – also die Fähigkeit, Aufmerksamkeit in den ersten Sekunden zu gewinnen – während Creator:innen zunehmend von filmischer Ästhetik profitieren, um Vertrauen, Wertigkeit und narrative Tiefe aufzubauen. Dadurch entsteht eine neue Mischform aus kurzer Form und cineastischem Anspruch.“

Katharina Baer, Vernetzerin für die Video-, TV- und Streamingbranche beim MedienNetzwerk Bayern, beobachtet einen Trend, der das Storytelling buchstäblich ins Hochformat zwingt. Wenn fast die Hälfte der jungen Zielgruppe Videos primär über Social Media konsumiert, ist „Vertical Drama“ die logische Antwort der Industrie.

Was sind Vertical Dramas?

Vertical Dramas sind die moderne, mobile Antwort auf die tägliche Seifenoper. Sie bedienen dieselben emotionalen Bedürfnisse – Drama, Cliffhanger, Romantik –, sind aber schneller getaktet. Episoden dauern nur etwa 60 bis 90 Sekunden und lassen sich gut zwischendurch „bingen“. Jede Folge endet mit einem emotionalen Paukenschlag. Die nächste Episode – und der perfekte Eskapismus – warten nur einen Swipe entfernt. Der Produktionszeitraum ist kurz und die Realisierung günstig, was sich mitunter auch in der Qualität niederschlägt.

Katharina Baer, Vernetzerin für die Video-, TV- und Streamingbranche beim MedienNetzwerk Bayern

»Ich denke, der hiesige Markt sollte ausprobieren, was das Wachstumspotenzial dieser Erzählform hergibt, und das Feld nicht anderen überlassen. Es bleibt aber eine Herausforderung, ein tragfähiges Ökosystem rund um das Thema aufzubauen.«

Katharina Baer

Vernetzerin für die Video-, TV- und Streamingbranche beim MedienNetzwerk Bayern

Hype oder bleibender Trend?

Micro Dramas boomen in China und den USA bereits seit 2023 und machen einen Milliardenmarkt aus. Die Goldgräberstimmung und die bislang überwiegend trashige Machart machen das Format Hype-verdächtig. Doch Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut: Micro Dramas passen in die kleinsten verfügbaren Zeitfenster, fügen sich in Scroll-Gewohnheiten ein und sichern sich durch Hooks und Cliffhanger die Wiederkehr der Zuschauer:innen. Damit sind sie mehr als ein Hype. Für Katharina auf alle Fälle ein Versuch wert:

„Ich denke, der hiesige Markt sollte ausprobieren, was das Wachstumspotenzial dieser Erzählform hergibt, und das Feld nicht anderen überlassen. Das günstige und schnelle Produzieren von Vertical Dramas bietet auch eine gute Gelegenheit, neue Stoffe auszuprobieren. Lokale Produktionen mit globaler Anschlussfähigkeit könnten erfolgreich sein – von Alpen-Romantik bis hin zu Großstadt-Dramen. Es bleibt aber eine Herausforderung, ein tragfähiges Ökosystem rund um das Thema aufzubauen“

Suchtfaktor und Geschäftsmodell

Kritisch zu betrachten sind der Suchtfaktor und die Monetarisierung durch Mikrotransaktionen: Nachdem die ersten Folgen oft kostenlos zugänglich sind, kann eine Micro-Drama-Serie mit 60 bis 100 Folgen am Ende teurer werden als ein klassisches Streaming-Abo. Auch der saubere Umgang mit Nutzerdaten ist ein wichtiges Thema. TikTok hat kürzlich die kostenfreie Micro-Drama-App PineDrama in den USA und Brasilien gestartet – wenn die App auch hierzulande ankommt, könnte sie das Feld neu definieren. Umso wichtiger für Katharina, dass wir diese Erzählform auf dem hiesigen Markt differenzierter umsetzen:

„Eine Chance liegt darin, neue Qualitätsstandards für vertikale Geschichten zu setzen, um sich gegen die Ermüdung des Publikums durch sich wiederholende Erzählweisen abzusichern. Spannend finde ich auch die Zusammenarbeit mit Social-Media-Creators und, was für Marken im seriellen Erzählen möglich ist. Für jüngere Menschen ist das Smartphone das Primärgerät. Wenn man den Nerv ihrer Lebenswelten trifft, liegt hier das Potenzial, junge Zielgruppen zu begeistern – etwa durch interaktive Features à la „Wähle-dein-eigenes-Abenteuer“, bei denen man Handlungsstränge spielerisch beeinflussen kann.“

Hierzulande sollte man das Spektrum der Geschichten anpassen, denkt Katharina, “also die Bandbreite der Themen – aber vielleicht funktioniert Micro Drama auch deshalb so gut, weil es einfach so ist, wie es ist: simpel, schnell und spannend.

 

Storytelling und die Verschiebung der Sehwelt (Vertical vs. Linear)

Die ARD/ZDF-Medienstudie 2025 zeigt, dass wir uns in einer hybriden Realität befinden. Während 74 % der Bevölkerung noch klassisch fernsehen, konsumieren bereits 42 % regelmäßig Videos über Social Media. Bei den unter 30-Jährigen entfällt nur noch ein Viertel der Zeit auf lineares TV. Das unterstreicht die Dringlichkeit, Formate wie das Vertical Drama als ein strategisches Werkzeug zu verstehen, um junge Zielgruppen zu erreichen.

Passende Veranstaltung

Autorin: Madeleine Gewargis

Fotos: Cindy Ngo

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